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Mittlerweile ist es ein paar Monate her, dass die ersten KTM TPI´s ausgeliefert wurden. Wir hatten die Möglichkeit die 250er und 300er ausgiebig zu testen. Unser Eindruck……

Motocross: Wir haben die Geräte über den Motocrosstrack in Kanyavar geprügelt. Die Strecke von Martin Mehnert ist bekannt für seine weiten Sprünge. Zugegeben, wir hatten auch die eigenen Bikes mit und sind die Strecke mit einem härteren Fahrwerk eingefahren. Aber danach wurde mit den TPIs schwer angeraucht. Egal ob 250 oder 300er Bike. Vom Motor her sind beide Raketen und im oberen Drehzahlband geht die Post ab. Wenn man die Landezonen einmal hat, fahren die Crosser im Out of Control Modus. Klar, Lamperlfahrer vorbeilassen geht ja gar nicht ;-)

Eine Sache ist allerdings gewöhnungsbedürftig: Wenn man die Motorräder beim, oder nach dem Absprung in den Begrenzer dreht (der ist übrigens schnell da) geht’s abrupt bergab mit dem Vorderbau. Das ist wie Bremsen beim Sprung. Man gewöhnt sich aber schnell daran und schaltet eben schnell noch einen Gang höher.

Fazit: Beim Motocrossen gehen die Einspritzer-Bikes richtig gut. Das Fahrwerk funktioniert vor allem bei Wellen und schlechtem Belag, weniger bei Bremswellen. Sicherheitsreserven bei harten Landungen gibt’s natürlich keine. Das muss auch so sein. Wer will schon ein Crossfahrwerk auf einer Enduro. Für Motocrosstests beim Klassik Enduro ist man jedenfalls gewappnet.

 

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Enduro: Im normalen Enduro-Gelände begeistern die beiden Bikes vollends. Das Problem, dass früher nur bei einem von drei Rennen die Bedüsung perfekt gepasst hatte ist jetzt gelöst. Die Motoren laufen sehr mager und sind sehr spontan bei der Gasannahme. Nebenbei sei erwähnt, dass sie deutlich weniger verbrauchen und sich 2h-Rennen mit einem Tank locker ausgehen sollten.

Beim Endurowandern kann man nun mit den 4-Takt Tankintervallen locker mithalten. Die Zeiten der Sprit-Pet-Flaschen im Rucksack sind definitiv vorbei. Der Öltank reicht locker für jedes Rennwochenende.

Der größte Unterschied zu den 17er Bikes liegt im unteren Drehzahlbereich. KTM-Techniker und Testfahrer schwören, dass sie unten mehr Leistung haben. Im Fahrbetrieb fällt das nicht auf. Genau das Gegenteil ist der Fall. Irgendwie schaffte man es die Leistung so zu glätten, dass das Drehzahlband sehr linear wurde. Das ist auch sehr einfach zu fahren.

Eine absolute Stärke der Einspritzung ist das Anfahren. Wenn es richtig schwierig wird: schräg, steil und nass - das Anfahren geht jetzt viel besser als mit allem zuvor. Der Nachteil ist, dass die Leistung gleich nach dem Anfahren nicht ausreicht und man, wenn es langsam hergeht, immer etwas mit Kupplung fahren muss. Bei der 250er ist das natürlich viel ausgeprägter. Für die österreichischen Endurorennen, abgesehen von einem HEXE-Enduro oder dem Erzberg, funktioniert das dennoch bestens.

250 oder 300? Da gibt’s bei vier E.A.R.T. Fahrern 2 Meinungen. Ich bin immer für den größeren Motor. Da braucht man beim Schalten nicht so aufpassen. Der richtige Gang ist beim 2-Takter alles.
Den anderen reicht die 250er vollends. Die 300er sorgt eher nur für lange Arme. Vielleicht sollte ich auch abnehmen.

Fazit: Die einzig erkannte Schwäche ist, dass man beim dahinnudeln ziemlich viel Kupplung braucht. Wir waren mit der 13:50er Übersetzung unterwegs. Mit 13:52 ginge das sicher besser.

 

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Extrem-Enduro: Man steht mit dem Teil quer im Bachbett, 2 Meter Anlauf durch den Matsch und dann rauf auf die richtig steile Böschung. Das ist der Plan. ok. Also beide Füße auf die Raster und Vollgas. Leider verschluckte sich aber das Motorrad. Nochmal. Etwas vorsichtiger beim Gas geben und der Motor steht am Begrenzer an. Da kommt man auch nicht richtig weg. Mit Gewöhnung geht’s dann natürlich doch. Das hat bei den 2017er Modellen aber besser geklappt.

Anfahren im Schrägen geht viel besser als früher. Im Grenzwertig steilen Gelände ist es aber so, dass wir uns mehr Schmalz im Drehzahlkeller wünschen. 250er und 300er müssen wenn es langsam hergeht sogar im ersten Gang mit der Kupplung am Leben gehalten werden. Da reicht es nicht die Auslasssteuerung zu verdrehen oder anders zu übersetzen. Ein anderes Mapping muss her. Der Begrenzer sollte auch erst später kommen. Bergab geht der 250er Motor übrigens gerne mal aus.

Fazit: Zu behaupten, dass die TPIs beim langsamen Enduro im Grenzbereich schlecht sind wäre mehr als übertrieben. Im Vergleich haben wir uns mit der 2017er Enduro aber leichter getan. Sollte ein Hard-Enduro Mapping kommen schaut das vermutlich anders aus.

Update 18.10.2017: Nach Rücksprache mit KTM sind wir im Nachhinein draufgekommen, dass leider ungewollt, das falsche Mapping auf dem Pressebike geladen war. Normalerweise kommt das Bike nach jedem Test zurück zur Überprüfung. In unserem Fall wurde das Motorrad jedoch gleich vom letzten Pressetest übernommen. Beim nächsten Test wird die Leerlaufdrehzahl dann wieder perfekt eingestellt sein und alles läuft wieder normal...

 

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Link zu den KTM Enduromodellen: http://www.ktm.com/at/enduro/ 

 

Was uns aufgefallen ist:

Leistung: Power haben sie beide. Im Vergleich mit dem 17er Modell ist die Leistungsentwicklung viel linearer. Den Drehzahlkeller-Kick von den Vergasermotoren gibt es nicht mehr. Uns war das zu wenig Leistung unten. Bei der 250er fällt das viel schwerer ins Gewicht. Ab Drehzahlmitte geht bei beiden die Post ab und ab 2/3 Gas gibt’s de facto keinen Unterschied zw. 250 und 300 Kubik.

Hitzeentwicklung: Die Motoren dürften deutlich mehr Hitze entwickeln als die Vergasermodelle. Das sieht man sogar an der Verfärbung am Krümmer. So was gab es bisher nicht. Durch Veränderungen bei der Kühlung scheint man das egalisiert zu haben. Wir haben beide zum Kochen gebracht. Allerdings nicht früher als bei Vergasermodellen. In Ringos Wald geht aber jede Kühlung in die Knie ;-)

Begrenzer: Der Motor dreht sehr spontan und schnell hoch. Somit ist der Begrenzer irrsinnig schnell da. Es ist auch deutlich zu hören. Beim Springen kann das zu Aha-Effekten führen. Auch wenn man bei einem welligen Uphill den Bodenkontakt verliert. Der Begrenzer bremst einem beim nächsten Bodenkontakt richtig ein.

Gasweg: Die neuen Bikes haben einen anderen Gasgriff. Jetzt mit 2 Seilen. Der Drehwinkel vom Gasgriff ist viel kürzer.

Standgas: Bei beiden Bikes ist das Standgas sehr niedrig. Bei der 250er sogar so nieder, dass sie beim bergab Fahren zeitweise abstirbt. Es hilft etwas, wenn man den Kupplungshebel ganz nach vorne stellt, aber das sollte nicht der Sinn dieser Verstellschraube sein.

Mapping: Das man beim Mapping noch Potential hat liegt auf der Hand: Die Dinger scheinen extrem Mager zu laufen. Meiner Meinung nach war das Vorserien Mapping von der Husqvarna Modellpräsentation in Kanada besser.

Öltank: Der war bei einem Bike am Anfang undicht. Mit dem Öltank gibt’s angeblich öfter Probleme. Das hat sich aber mit sinkenden Ölstand bald einmal erledigt. Bei 8 h Fahrbetrieb war der Öltank noch mehr als halb voll.

Startverhalten: Beide starten gut, wenn auch um einen Hauch langsamer als die 17er Modelle. Im kalten Zustand wollte die 250 mehrmals nicht anspringen. Weder mit Choke noch ohne. Irgendwann nach ca. 1 Minute Starten ist sie dann aber dennoch angesprungen. Den Kickstarter haben wir nie verwendet.

Kolbenfresser und sonstige Schäden: Irgendwelche Internetgeschichten von angeriebenen Motoren können wir absolut nicht bestätigen. Im Gegenteil: Alle Bekannten Biker mit TPIs sind super zufrieden.

Eine TPI mit Injektorschaden habe ich persönlich bei den Romaniacs gesehen. Der Australier ist das Teil ohne Lüfter und somit den Kühler über einen 1200 Höhenmeter Anstieg absolut leer gefahren.
Interessanterweise gibt’s Videos von Leuten die es geschafft haben den Motor rückwärtslaufend zu starten.

Fahrwerk: Wir haben uns eher auf den Motor konzentriert. Beim Fahrwerk ist wenig aufgefallen, was ja prinzipiell gut ist. Das Ansprechverhalten ist sehr gut. Auf einer normalen Enduropiste funktioniert es perfekt. Auch bei schneller Gangart gibt’s nichts ungewöhnliches zu berichten.

Ausstattung: Da es mittlerweile bei jedem Rennen einen Reifenstapel oder ein Baumstammhindernis gibt, wäre ein serienmäßiger Motorschutz wünschenswert gewesen.
Beim Lüfter scheiden sich die Geister: Für Endurowandern und normale Rennen reichts auch ohne.

Fazit: Wir können die TPIs empfehlen. Jeder der damit gefahren ist war begeistert, egal auf welchem fahrerischen Niveau. Die Geräte funktionieren.
Wenn es eine Schwäche gibt, dann beim Extreme-Enduro. Das kommt rennmäßig eventuell bei den Romaniacs oder ab der „Maschine“ am Erzberg zum Vorschein. Aber wie viele Otto-Normalfahrer kommen da schon hin. Und wenn man einmal so weit ist dann kann man vermutlich auch eine „persionalisierte“ Abstimmung auftreiben. Über den Winter wird sich da ja sicher noch was tun...

Tester:
Wolfgruber Rüdiger
Ringhofer Adi
Schlaf Stefan
Stocker Willi

 

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Bericht: Enduro-Austria, R. Wolfgruber